Die passende Geige

Von Anne am 30.07.2021

Wer die Musik liebt, kann nachempfinden, wie viel Einfluss das richtige Instrument auf das eigene Spiel hat. Es beeinflusst die Klanggestaltung, kann die Ausdrucksmöglichkeiten begrenzen, aber vor allem auch beflügeln.

Auf dem Sprung zur professionellen Karriere war klar, dass meine damalige Geige für eine professionelle Karriere qualitativ nicht mehr ausreichen würde. Darüber sprach ich mit Lehrern, Freunden und Bekannten und noch bevor ich selber aktiv mit meiner Suche begonnen hatte, kamen zwei Geigen auf mich zu: eine Amati und eine Cuypers.

Als ich wenig später in einem berliner Wohnzimmer Lalos Symphonie Espagnole auf der Amati spielte, war die Stituation skurril: Auf der einen Seite war mir bewusst, um was für einen bedeutsamen Namen es sich handelte, wie wertvoll und alt das Instrument war und in welch prominentem Vorbesitz es sich befunden hatte. Und auf der anderen Seite war ich gerade 18 geworden und hatte – um ganz ehrlich zu sprechen – keine Ahnung.

Nach was sollte ich suchen? Auf was achten? Wie sollte ich das Instrument am besten ausprobieren und mit welchen Werken? Welche Qualitäten sollte es überhaupt mitbringen, welche Klangeigenschaften sollte es haben? Kurzum: wie konnte ich ein Instrument testen, um festzustellen, ob es zu mir passen würde?

Bei allen Fragezeichen in meinem Kopf – mein Körpergefühl sagte klar „nein“. Begründen konnte ich es nicht und vielleicht würde es heute anders sein, aber damals war der Eindruck unstimmig.

Das andere Instrument, das auf mich zukam, war eine Geige vom niederländischen Geigenbauer Johannes Cuypers aus dem Jahr 1785. Für Außenstehende klingt es vielleicht komisch, jedoch hatte dieses Instrument damals eine solch erhabene Ausstrahlung auf mich, dass ich mich kaum traute, es anzufassen. Es war, als würde mir das Instrument sagen: „auf mir haben großartige Geiger die schwersten Werke gespielt. Ich wurde in unzähligen Konzertsälen zum singen gebracht, bin nur das beste gewohnt. Kannst Du mir denn gerecht werden?“

Ich war sicher, dass ich es könnte! Denn neben dem Respekt, den ich der Cuypers entgegen brachte, fühlte es sich beim Ausprobieren angenehm an. Und dieses Gefühl blieb – nach einigen Wochen und auch über die Jahre sind wir immer weiter zusammen gewachsen. Ich würde es vergleichen mit einer engen Freundschaft: Wenn man einen Menschen kennenlernt, sieht man nicht sofort all seine Facetten, kennt nicht all seine Geheimnisse. Man kann aber doch schnell sagen, ob man sich mit jemandem wohl fühlt oder nicht. Die Cuypers ist mir eine verlässliche Freundin geworden, die mich täglich sowohl herausfordert, als auch inspiriert und bestärkt.

© 2005 - 2021 Anne Greuner
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